Ausbildung: Umdenken ist gefragt

27. Januar 2026
THCH-Ausbildung

Wie finden Ausbildner und die Generationen Z und Alpha zueinander? Vier Coiffeurunternehmer*innen berichten aus der Praxis: Was sie in ihren Geschäften umgestellt haben und was besonders gut funktioniert, um Erfolgserlebnisse zu schaffen und junge Talente zu motivieren.

Inhaltsübersicht

Susanna Burger

Ausbildung: Umdenken ist gefragt Wie finden Ausbildner und die Generationen Z und Alpha zueinander? Vier Coiffeurunternehmer*innen berichten aus der Praxis: Was sie in ihren Geschäften umgestellt haben und was besonders gut funktioniert, um Erfolgserlebnisse zu schaffen und junge Talente zu motivieren.
Hairworks & Style, Zürich. Sektionspräsidentin coiffureSuisse Zürich-Stadt

Ich sehe Handys nicht als Störung, sondern als Werkzeug. Unsere Lernenden verwenden dieses für Recherche, das Erstellen von Moodboards oder für Lerndokumentationen. So können sie Fotos und Videos aktiv nutzen. Neben dem klassischen Üben nutzen wir kurze YouTube-Tutorials, um Lerninhalte zeitgemäss und visuell aufzubereiten. Ich pflege eine Kultur der „Augenhöhe“. Ausbildende sehen mich eher als Coach und nicht als strikte Vorgesetzte. Der respektvolle Umgang ist entscheidend, und die Lernenden mit all ihren Sorgen und Ängsten als Menschen wahrzunehmen. Durch transparente, kurze Feedbacks, die nicht nur die Leistung, sondern auch das Wohlbefinden betreffen. Ich habe die Arbeitszeiten so angepasst, dass wir flexibel bleiben und eine bessere Work-Life-Balance erhalten. Die Lehrlinge erhalten ein eigenes Kleinprojekt, z.B. das Gestalten eines Schaufensters von A bis Z. Die Verantwortung und das sichtbare Ergebnis steigern die Motivation enorm. Durch die Eigenverantwortung wächst auch das Selbstbewusstsein und die Sichtbarkeit der eigenen Kreativität auch ausserhalb des Berufsfeldes. Unter Aufsicht dürfen Lernende frühzeitig einfache, aber eigenständige Kundendienstleistungen z.B. Kopfmassage-Rituale, Blow-Dry Finish übernehmen. Das schafft schnelles Selbstvertrauen und Glücksgefühle. Die Freude der Kundin sowie der Lernenden wird sichtbar. Der erste Kontakt mit Kund*innen, sei es am Telefon oder beim Empfang im Geschäft, zeigt den Lernenden, dass wir ihnen eine wichtige Aufgabe geben und sie ein wertvolles Mitglied des Teams sind.

Die Ausbildung muss über Schneiden und Färben hinausgehen. Eine vielseitige Förderung der einzelnen Persönlichkeiten und Fähigkeiten ist enorm wichtig. Es nützt uns nichts, wenn wir die Lernenden überfordern oder unterfordern. In beiden Fällen sinkt die Motivation in der Ausbildung und wir verlieren gute Mitarbeiterinnen. Wir bieten Einblicke in Business-Skills z.B. Kundenakquise, Warenwirtschaft und Spezialgebiete Rasieren und Herrenservice, Hochsteckfrisuren und Schminkkurse. Gute Lernende können berufsbegleitend die Berufsmatur machen. Ich ermögliche ihnen nach der Lehre, zu bleiben oder bin behilflich, eine neue Stelle zu finden. Sie können von meinem Netzwerk in der Branche profitieren. Sie werden unterstützt, bei Wettbewerben mitzumachen sowie in der Vorbereitung dazu. Es werden klare Karrierepfade aufgezeigt, wie z.B. Weiterbildung zum Ausbildner, Salonleitung, Fachausweis BP, Experte und oder überbetrieblichen Kursleiter (üK- Leiter) sowie die Höhere Berufsbildung (HFP).

Susanne Eglauf

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haar&mehr, Rapperswil

Das Projekt „Salon Power 2025“ von Ivo Aeschlimann von ghel gab mir den Anstoss, mich auf die neue Generation einzulassen und neu zu denken. Der Austausch macht Spass und motiviert mich, eigene Erfahrungen zu teilen und neue Impulse umzusetzen. Um die digitale Generation besser zu erreichen, haben wir uns bei Schnuppy.ch angemeldet. So können Schnupperanfragen unkompliziert gestellt werden, ohne die Hemmschwelle eines Telefonats. Dadurch ermöglichen wir mehr jungen Berufsleuten einen Einblick in unseren Berufsalltag. Zusätzlich nutzen wir eine modern gestaltete Homepage sowie Lehrstellenplattformen wie Yousty.ch. Um gezielt passende Talente anzusprechen, setzen wir verstärkt auf Social Media und beziehen unsere Lernenden aktiv ein, indem sie in Videos die Vorteile einer Ausbildung bei uns zeigen.

Das haben wir bei uns umgestellt: Mit der neuen Grundbildung 2024 wurde die Bildungsplattform skills.ch eingeführt, über die alle Ausbildungsdokumente jederzeit digital verfügbar sind – für Lernende, wie auch für mich als Berufsbildnerin. Zusätzlich nutzen wir die Plattform „L’Oréal Access“ mit kurzen Lernvideos zu Techniken, Produkten und mentaler Gesundheit. Die digitale Generation findet sich damit sehr gut zurecht und Lernen wird einfacher und ansprechender. Auch ich setze gerne kurze Videos ein, da sie besser aufgenommen werden als reiner Text. Ich beziehe meine Lernenden aktiv in die Ausbildungsplanung ein und führe regelmässige Gespräche, um Über- oder Unterforderung zu vermeiden. Das Thema Stress ist präsent, weshalb wir ein spezielles Training zu Stressbewältigung in Verbindung mit Bewegung und Ernährung durchgeführt haben – mit positivem Fazit. Kommunikation auf Augenhöhe ist für mich zentral. Ziele, Ausbildungsplanung, Zahlen und Budgetziele erarbeiten wir gemeinsam. Die Lernenden sind vollwertige Teammitglieder, bringen sich in Teamsitzungen ein und übernehmen Verantwortung. Zur zusätzlichen Motivation habe ich das Programm „Glanzpunkte“ entwickelt. Für gute Leistungen in Schule, üK und Betrieb sammeln die Lernenden quartalsweise Punkte, die sie gegen Prämien eintauschen können. Besonders beliebt: Ein freier Samstag pro Monat, der Zeit für Erholung und Ausgleich schafft. Wir haben eine flexible Modellliste entwickelt, die alle Techniken und Fertigkeiten pro Semester abdeckt. Die Lernenden planen selbst, wann und wie sie die Skills vertiefen – tagsüber, abends oder am Wochenende. Von Anfang an werden sie aktiv in die Kundenbedienung eingebunden, entwickeln Routinen und Sicherheit bei der Arbeit und erhalten dabei kontinuierliche Begleitung und Unterstützung. Wir unterstützen sie bei Hausaufgaben und Lernkontrollen, nutzen Synergien unter den Lernenden und mit erfahrenen Mitarbeitenden und bereiten sie mit Simulationen sowie mündlichen Praxisfragen gezielt auf die Abschlussprüfungen vor. Dank des „Glanzpunkte“-Programms und eines verlängerten Wochenendes pro Monat sind die Lernenden ausgeruht, motiviert und leistungsfähig. Wir haben unseren betrieblichen Ausbildungsplan angepasst und greifen dabei auf unsere Erfahrungen der letzten Jahre zurück. Zu Beginn schulen wir die Lernenden intensiv im Umgang mit Kunden nach unserem Leitbild, damit sie schnell aktiv in der Kundenbedienung mitarbeiten können. Direkte Arbeit an der Front steigert den Spass, das Selbstvertrauen und das Vertrauen der Kunden in ihre Fähigkeiten. Die Lernenden dürfen von Anfang an an Modellkunden arbeiten, die von einem vergünstigten Preis profitieren. So erkennen sie den Wert ihrer Arbeit und erleben Erfolgserlebnisse. Wir motivieren sie, an Lehrlingswettbewerben teilzunehmen, unterstützen ihre Ideen und Vorhaben und begleiten sie aktiv vor Ort. Unsere Ausbildung fördert Individualität und Selbstentfaltung. Wir lassen die Lernenden ausprobieren, nehmen sie ernst und geben ihnen täglich die Möglichkeit, Freude an dem zu entwickeln, was sie erschaffen. Ziel ist es, jeden Tag für die Kunden zu einem besonderen Erlebnis zu machen. Nach der dreijährigen Ausbildung endet das Lernen nicht: Neue Trends, Techniken und Produkte kommen ständig hinzu. Wir begleiten unsere Talente auch nach der Ausbildung, unterstützen sie beim Festigen und Erweitern von Skills und bei beruflicher Weiterbildung oder Wettbewerben wie den SwissSkills. Wir bieten Teilzeitstellen an und achten auf eine ausgewogene Balance zwischen Arbeit, Freizeit und Verdienst. So stellen wir sicher, dass unsere Mitarbeitenden den Beruf mit Herzblut ausüben und langfristig im Beruf bleiben.

Marc Riedo

Ausbildung: Umdenken ist gefragt Wie finden Ausbildner und die Generationen Z und Alpha zueinander? Vier Coiffeurunternehmer*innen berichten aus der Praxis: Was sie in ihren Geschäften umgestellt haben und was besonders gut funktioniert, um Erfolgserlebnisse zu schaffen und junge Talente zu motivieren.
AERNI riedogroup, Bern

Für uns ist klar: Junge Talente gewinnt man heute nicht mehr mit klassischen Ausbildungsmodellen allein. Entscheidend ist der bewusste Mix aus Handwerk, Kreativität und Digitalität – und vor allem eine Ausbildung, die ernst nimmt, einbindet und Perspektiven schafft. Im Zentrum unserer Lehrlingsausbildung steht nach wie vor das Handwerk und der Kundenservice. Präzision, Schnitttechnik, Farbe und Beratung sind die Basis unseres Berufs. Gleichzeitig holen wir die Lernenden dort ab, wo sie stehen: in einer digitalen Welt. Dafür haben wir unsere Ausbildung konsequent weiterentwickelt. Wir verfügen über einen  Ausbildungsraum mit moderner Infrastruktur, inklusive digitaler Wandtafel. Theorie, Praxis, Visualisierung und Reflexion fliessen hier zusammen. Lerninhalte werden gemeinsam erarbeitet, dokumentiert und digital festgehalten. Unsere Lernenden arbeiten mit Laptops und Tablets. Alle Mitarbeitenden haben Zugriff auf ein Online-Buchungssystem, eine digitale Agenda und eine App, die Transparenz schafft und Selbstständigkeit fördert. Jeder weiss, wo er steht, was ansteht und wo er Verantwortung übernehmen kann. Das Neuste kommt im Januar 2026: Instagram und Tiktok-Kanal ausschliesslich für unsere Young Artists. Ein wichtiger Bestandteil ist die digitale Kommunikation. Wir sind auf Instagram und TikTok aktiv – nicht nur als Marketingkanal, sondern bewusst auch als Plattform für unsere jungen Talente. Lernende dürfen mitgestalten, Inhalte entwickeln und Einblick geben. Das schafft Identifikation, Stolz und Sichtbarkeit. Dafür haben wir Richtlinien entwickelt. Ergänzend haben wir eine 20-Prozent-Stelle im Bereich Mediamatik geschaffen, um die digitale Ausbildung professionell zu begleiten und unsere Lernenden auch in diesem Bereich zu unterstützen. Was bei uns besonders gut funktioniert, ist das frühe Übertragen von Verantwortung. Junge Mitarbeitende werden ernst genommen und gezielt gefördert. Ein klares Zeichen dafür: Unsere jüngste Teamleiterin ist erst 23 Jahre alt. Leistung, Engagement und Haltung zählen – nicht das Alter. Getragen wird die Ausbildung von einem stark aufgestellten Ausbildner-Team, das fachlich und pädagogisch auf dem neuesten Stand ist. Weiterbildung ist für uns Pflicht, nicht Kür. Auch der Einstieg ist bei uns anders gestaltet: Die Schnupperlehre beginnt mit einem Schnupper-Workshop. So lernen Jugendliche den Beruf aktiv, kreativ und praxisnah kennen – nicht als passive Beobachter, sondern als Mitmachende. Das schafft realistische Erwartungen und erste Erfolgserlebnisse. Dazu werden in einem zweiten Teil des Workshops auch die Eltern eingeladen, um die Ausbildung, die Weiterbildungsmöglichkeiten und die Perspektiven zu erklären.

Unsere Ausbildung verstehen wir als Abwechslungsreise: Lernen, Ausprobieren, Verantwortung übernehmen, wachsen. Erfolgserlebnisse entstehen nicht zufällig, sondern durch Struktur, Vertrauen und echte Perspektiven. Genau das motiviert junge Talente, nach dem Lehrabschluss im Beruf zu bleiben – und sich weiterzuentwickeln. Denn am Ende geht es nicht nur darum, Fachkräfte auszubilden. Es geht darum, Begeisterung für den Beruf zu erhalten und Zukunft aktiv zu gestalten.

Ivo Aeschlimann

Ausbildung: Umdenken ist gefragt Wie finden Ausbildner und die Generationen Z und Alpha zueinander? Vier Coiffeurunternehmer*innen berichten aus der Praxis: Was sie in ihren Geschäften umgestellt haben und was besonders gut funktioniert, um Erfolgserlebnisse zu schaffen und junge Talente zu motivieren.
ghel, Zürich

Eine Höchstzahl an Lehrvertragsauflösungen und Krankheitstagen gab bei uns vor Jahren den Ausschlag, das Thema Ausbildung in unseren vier Salons völlig umzukrempeln. Dazu war es wichtig, das gesamte Team miteinzubeziehen – auch die Teilzeitkraft mit 20 Prozent. Ein starkes Miteinander ist die Grundvoraussetzung für eine gelungene Transformation, denn häufig lastet die Verantwortung für die Lehrlinge auf wenigen Schultern. Gestartet sind wir mit Workshops, um das Team für Jugendthemen zu sensibilisieren und Verständnis zu schaffen. Wie ticken die Generationen Z und Alpha? Was bedeutet der Übergang von Schule zur Lehre für sie. Wie gehen wir mit Lehrlingen um, die ADHS haben oder schnell überfordert sind? Wie finden wir genau die jungen Talente, die zu uns passen, und wie produzieren wir Content für die zielgerechte Ansprache? 

Im nächsten Schritt haben wir uns von alten Denkmustern und Prozessen verabschiedet: Lehrlinge sind nicht Folienassistenz oder für das Reinigen der Farbschalen zuständig, sondern sollen Eigenverantwortung übertragen bekommen und so früh wie möglich Kunden bedienen. Sie sollen Wertschätzung spüren. Diese beginnt mit der Handynutzung im Salon. Warum soll ich mein Handy nutzen dürfen und die Lernenden nicht? Bei uns gilt „gleiches Recht für alle“. Sie benötigen ihr Handy, um Termine mit Modellen zu vereinbaren, Content produzieren oder erreichbar zu sein. Die Erfahrung hat gezeigt: Was erlaubt ist, verleitet auch nicht zum Missbrauch. Ausserdem sind wir der Meinung, dass ein höherer Lohn für Wertschätzung steht. Wir haben daher unser Lohnmodell angepasst. Lernende im ersten Lehrjahr bekommen CHF 850, im zweiten CHF 950 und im dritten CHF 1050. Inklusive Trinkgeld können sie damit KV-Lernenden das Wasser reichen. Das macht stolz, zufrieden und selbstbewusst.

Ausbildung: Umdenken ist gefragt - TOP HAIR - Suisse